Manndies Tagebuch

Liebes Tagebuch,

jetzt ist es gerade mal eine Woche her, dass ich den letzten Eintrag geschrieben habe, und inzwischen ist eine Menge passiert. Unglaublich, was ich alles erlebt habe! Ich habe einen Minotauren beschattet, gegen eine gewaltige Übermacht gekämpft, mir aus Würmern eine Rüstung schneidern lassen und magische Portale entdeckt. Unglaublich!

Ausserdem habe ich gemerkt, dass ich einen sehr gefährlichen Eindruck mache. Alle möglichen Leute haben Angst vor mir. Wenn ich einmal keine Lust mehr auf das Abenteurerleben habe, sollte ich mich in einem Theater engagieren lassen, um den Bösewicht zu spielen. Da scheine ich total glaubwürdig rüberzukommen.

Das fing schon mit dem Magier an, der mit Käpt’n Mandragor unterwegs war. Dem Mandragor sollte ich nämlich ein bisschen auf die Finger, oder besser auf die Füße, schauen, wohin der so geht. Ich dachte mir, ich unterhalte mich ein bisschen mit ihm und schmiere ihm Honig ums Maul (Normalerweise sollte ich ja sagen: um den Mund. Aber ich glaube, bei Minotauren darf man ruhig vom Maul reden. Muss mal bei Gelegenheit den Mach’Thor nuff fragen, ob das richtig ist). Jedenfalls, ich habe ihn beschattet, und er wollte mit seinem Gast, einem Magier, auf sein Schiff. Da wär ich ja nicht mitgekommen. Also dachte ich, ich halte die zwei auf, und sabbel dem Tauren was vor von dem Ruhmeslied das ich für ihn gedichtet habe. Und was passiert? Der Magier dreht sich um und legt mich schlafen. Der muss echt mächtig Angst vor mir gehabt haben, dass er mich so schnell loswerden wollte. Dummerweise hat mich die Stadtreinigung dann für tot gehalten und auf einem Leichenwagen abtransportiert. Aber das konnte der Magier ja nicht wissen, dass sich das so weiterentwickelt.

Am nächsten Tag wurden wir dann plötzlich aus einem Hinterhalt überfallen. Und was ist das erste, was die Angreifer tun? Sie legen mich mal wieder schlafen. Nein, nicht den Minotauren, der sie nacheinander in Angreiferhälften teilt, nicht einen der Bogenschützen, nein, mich. Und nachdem irgendwer mich mit einem Tritt in den Hintern unsaft weckt (naja, in der Hektik der Situation sei es ihm verziehen), bekomme ich schon wieder etwas ab dass ich nur noch rumtorkeln kann. Ja, die hatten wohl auch mächtig Respekt vor mir.

Und am meisten fürchtet mich wohl Yolo.

Wir haben dann noch dies und jenes getan und irgendwann unter einem komischen Haus unterirdische Gänge gefunden. In diesen Gängen irgendwo eine Flöte gefunden. Toll, denke ich mir; endlich mal was für mich. Die anderen sollen ja ihre Rüstungen und Schwerter und Ringe und was weiß ich noch bekommen, brauche ich nicht. Und dann finden wir eine Flöte, und ich denke mir schon, endlich mal was, das ich brauchen kann. Und nicht nur, etwas das ich brauchen kann, sondern etwas, mit dem keiner sonst auch nur ein bisschen was anfängt. Und was macht dieses wandelnde Stück Oh-ich-armer-bin-unter-Elfen-aufgewachsen Selbstmitleid? Beschließt, dass er die Flöte für sich will. Weil er Angst hat, sie mir zu geben. pfff. Doof fand ich nur, dass keiner von den andren für mich gesprochen hat. Oder fast keiner. Mit Edeltraut habe ich mich nämlich angefreundet. Auf die ist Verlass. Soll mir keiner mehr was über Kender sagen!

Jedenfalls hatte ich dann eine gute Idee. Oder, hm, besser, eine Idee von der ich dachte, dass sie gut wäre. Ich dachte mir, Yolo könnte ein bisschen göttliche Führung bekommen. Also habe ich für göttliche Führung gesorgt. So gesehen war es doch noch gut, dass ich damals ein paarmal mit Magdar aufgetreten bin. Der Möchtegernhobbymagier hat zwar nicht viel gekonnt, aber den Einflüsterungszauber habe ich mir gemerkt. Und so hat der gute Yolo jedesmal, wenn er angegriffen oder verletzt wurde, einen Hinweis von Gu’hll Cha’rak bekommen, dass dieser gar nicht glücklich ist, dass Yolo die Pfeife hat.

Man sollte annehmen, dass selbst ein Zwerg das kapiert. Aber die sind ja noch schwerer von Begriff als ein Stück Käse. (Ob das was mit dem Geruch zu tun hat? Sie riechen ja auch strenger als die meisten Käse). Selbst die Verbindung „ich werde verletzt und habe Schmerzen – jemand sagt mir, ich habe etwas falsch gemacht – ich berichtige das“ ist für die wohl schon zu hoch. Dabei könnte man damit sogar Hunde dressieren. Oder Meerschweinchen. Oder vielleicht sogar Regenwürmer. Aber Zwerge, nein, da geht das nicht. Jedenfalls hat Yolo beschlossen, dass er nun ganz besonders auf die Pfeife achtgeben muss.

Natürlich hat er sie trotzdem nicht lange behalten. Edeltraut ist ja *meine* Freundin. Als ich die Pfeife dann bei der Nachtwache ausprobiert habe, wurde es dann plötzlich ganz kalt, dann hab ich wieder aufgehört. Ich bin ja nicht doof.

Den Namen Gu’hll Cha’rak habe ich mir natürlich frei ausgedacht. So schlecht scheint der aber nicht gewesen zu sein. Unser mysteriöser Magier Ran hat sich nämlich gleich daran erinnert, dass er von einem Dunkelzwergenmystiker dieses Namens schon mal etwas gehört hat. Wo auch immer das gewesen sein soll.

Warum die Pfeife dann am nächsten Tag bei Schwanhild im Gepäck war, verstehe ich nicht ganz. Ist aber auch egal. Ich habe sie ja in Schwanhilds Gepäck gefunden. Edeltraut hat mir erklärt wie das geht, so schwierig ist das ja gar nicht, Dinge zu finden. Dann habe ich einen guten Moment abgewartet – Kampf vorbei, alle in guter Stimmung, keine Gefahren in der Nähe, ich pfeife ein bisschen vor mich hin, und merke wieder die Kälte, und dass ich die andren um mich herum spüren kann. Nachdem alle so vom Kampf erhitzt waren, dachte ich sogar, die freuen sich über ein bisschen Abkühlung. Ich habe sogar gemerkt, dass ich beeinflussen kann, wie kalt es wird, jenachdem, welche Lieder ich spiele. Bei den eher langweiligen Paladingesängen war es weniger kalt, bei den Morgion-Gelübden mehr. Die Pfeife ist also eine richtig tolle Sache, wenn es uns mal heiß wird spendiert sie Abkühlung, und wenn jemand verloren geht, muss ich nur ein kleines Liedchen spielen, und weiß genau wo er ist.

Yolo scheint aber stinkemegaeifersüchtig zu sein, dass ich darauf Musik machen kann, aber er nicht. Naja, dass er nun nicht gerade der hellste Stern am Nachthimmel ist, hat er ja bewiesen. Also kann er auch einfach nicht erwarten, dass er mit Dingen umgehen kann, die komplizierter sind als ein Stein, oder ein Humpen Bier. Das versteht er aber nicht. Jedenfalls wurde er so richtig stinkewütend, und hat mir angedroht, beim nächsten Mal, wenn er die Flöte hört, haut er mir den Kopf ab. Das würden die andren zwar nicht zulassen … oder? Nein, sicherlich nicht. Aber andererseits wären die vielleicht zu langsam, und wenn sie Yolo bestrafen, nachdem ich keinen Kopf mehr habe, bringt mir das auch nicht viel.

Ich verstehe so langsam meine Eltern besser, warum die nicht wollten, dass ich in menschliche Gesellschaft komme. Wenn ich so an Yolo denke, und daran, was für einen schweren Schaden der ganz offensichtlich hat – wäre ich etwa genauso geworden? Hätte das Aufwachsen unter Menschen mich genauso traumatisiert? Würden die Leute dann immer wieder über mich den Kopf schütteln? Nein, das wollte ich echt nicht. Mein Vater wusste wohl schon, was er tut.

Und mit der Flöte muss ich halt noch ein bisschen warten, bis ich die richtig ausprobiere. Ich warte einfach ab, bis wir mal wieder im Gasthaus übernachten, und mache dann einen Morgenspaziergang. Also einen richtig-früher-Morgen-Spaziergang. Entweder zu einem Hühnerstall irgendwo in der Nähe, oder vors Stadttor auf eine Schaf- oder Kuhwiese. Da kann ich dann in Ruhe ausprobieren, was passiert, wenn man ein bisschen lauter spielt. Ist sowieso besser so, die Flöte scheint etwas verstimmt und klanglos zu sein, mit der muss ich noch etwas üben bevor ich die im vollbesetzten Gasthaus spielen kann. Besser, da hören erstmal nur Tiere zu.