Einen seltsamen Ort haben wir gefunden. Das Gebäude haben wir beinahe vollständig durchkämmt und nun stehen wir in einer Art Vorgarten. Hinter dem abgrenzenden Zaun scheinen sich Büsche ohne jeden Hauch von Wind zu bewegen. Obwohl, vielleicht doch nicht? Den Himmel sieht man nicht, aber Tag und Nacht scheint es zu geben. Vielleicht liegt auch nur eine große Kuppel über all dem? Ein Negativaquarium? Und die Fische gucken zu?
Ein bisschen planlos und ratlos schauen sich einige von uns an. Und: NEIN! NICHT SCHON WIEDER! Die ewige leidige Diskussion über die dämliche Pfeife. Saugt Lebensenergie aus, aber nur aus sowieso schon Todgeweihten. Wie abartig! Und unsportlich. Alleine der Anblick der Pfeife lässt mir kalt einen Schauer den Rücken runterjagen. Schon komisch, dass Manndie, die Naive, so auf die Pfeife steht. Gut, dass ihr das Ding weggenommen wurde. Irgendwann hätte ich Manndie in Stücke hauen müssen. Die Pfeife macht so aggressiv! War da nicht mal was mit Yolo, dem Gläubigen? Hatte er Manndie, die Kleine, nicht mal mit ihrem Tode bedroht wegen der Flöte? Nicht dass Manndie, die Musikalische, mit dieser nicht umgehen könnte. Mit Musikinstrumenten kommt sie schon zurecht und wenn sie uns im Kampf Mut zusingt, scheint das tatsächlich zu helfen. Nun gut, Thor, der Pfeifenwächter, achtet nun auf die Pfeife. Manndie, die Beleidigte, ist pikiert. Wobei: Die Stimmung hält bei ihr bestimmt nicht lange.
Nachdem das Thema mit der Pfeife geklärt ist, wechselt die Aufmerksamkeit langsam wieder zurück zu den Büschen. Hatte da nicht jemand was von untoten Büschen gesagt? Noch nie von so etwas gehört. Schon wieder etwas echt abartiges. Untoter Busch? Wie sehne ich mich nach einem ruhigen Bergstollen. Wenigstens kann ich mich bei unseren Ruhepausen ein bisschen mit Edelsteinen beschäftigen. Manche sind so wunderbar formbar, andere so wundervoll alleine vom Anblick …
Thor, der Gewaltige, läuft mit seinem letzten Beutestück, einem Speer, am Zaun entlang und pikst die Büsche. Pfff, was der damit bloß bezwecken will? Wie lächerlich ein Minotaur aussieht, der auf Pflanzen einsticht. „Nimm das, stirb!“ – Lustig! Plötzlich ruft er uns zu sich. „Guggsch du“ meint er, als er erneut ‚zusticht‘: Die gepikste Stelle wird sofort schwarz. Er pikst noch woanders hin und: nix! Soso! Aha! Naja … Pflanzen … seltsam. Hm, also muss ich das jetzt verstehen? Seltsamer Ort. Irgendwann kommt dann doch wieder Schwung in die Gruppe und wir entscheiden uns, den Pfad, der den Vorgarten verlässt, zu folgen. Thor, der Erste, läuft vorne weg, ich hinter ihm und schütze seinen Rücken und die Pfeife vor Manndie, die Pfeifensüchtige und den langen Fingern (und kurzen Beinen – hehe). Wollte sie sich doch tatsächlich gleich hinter Thor einreihen … Ein Kobold, wer schlimmes dabei denkt. Wir kommen aber nicht weit. Kurz nach Aufbruch und vielem lauter werdenden Geraschel um uns herum taucht unser neuer Drachenechsenmenschfreund auf und hält einen Busch in den Händen. Will der jetzt gebrauchter Gebüschhändler werden? Ich habe mal von einem Gnom gehört, der damit reich geworden sein soll … Prust! Komisch, hat der Echsenmenschendrachenfreund eine unruhige Hand. Aus irgendeinem Grund schüttelt er den dürren Busch – hat kaum Zweige – die ganze Zeit hin und her. Zischt der Busch? Quark! Wir entscheiden uns, aufgrund der immer lauter werdenden Geräusche aus den Büschen um uns herum, uns wieder im Vorgarten zu sammeln.
Und dort stellen wir tatsächlich fest, der Busch ist kein Busch, sondern ein putziges Vieh, halb Pflanze, halb Tier: Tanze? Pflier? Pflieh? Vanze? Egal, es zischt und zappelt und bei einer engeren Begegnung mit einer scharfen Stahlkante sieht es auch gleich etwas dürrer aus. Armes Pflieh! Oder doch nur Ungeziefer? Untot wirken die nicht. Wieder so ein Menschenmärchen: untote Büsche! Ach sieh da: Es hat Angst vor Feuer. Was brennt außer einem Busch? Ein ganzer Wald!
Irgendwer hat die tolle Idee, mit Fackeln loszuziehen und uns somit die Geräusche und die Pfliecher auf Abstand zu halten. In Kolonne und mit Fackeln bewaffnet verlassen wir den Vorgarten und kommen ungestört bis zum Gebäude am Ende des Pfades. Sieht aus, als ob wir unentdeckt geblieben wären. Eine Umrundung des großen Hauses in L-Form ergibt keine weiteren interessanten Details. Keine zweite Tür, keinen weiteren Pfad. Dieser Pfad endet hier. Und zwischen uns und dem Inneren steht nur noch ein lächerlich 6m hohes steinernes Tor. Mehrstöckig scheint das ca. 10m hohe Gebäude nicht zu sein. Eine Halle also! Das Tor wird magisch geölt und einen Spalt aufgeschoben. Wunderbar! Endlich! Die drei Matrosen! Scheiße! Gruselig! Warum haben die nur komplett schwarze Augen und so hässliche Tentakel aus dem Rücken kommend? Je drei Schlangenmenschen links und rechts am anderen Ende der Halle – und – endlich – die Kämpferin, die mit der Dunkelheit entschwunden ist. Bei ihr ist Milos. Wirklich? Ne? Doch! Uih! Aha. Nun gut, der gehört also nicht nur den Bösen an, der bekommt auch gleich mächtig Ärger. Beide stehen am anderen Ende, aber auf einer Brüstung oder so ähnlichem. Unentdeckt sind wir geblieben, von Innen kommt keine Reaktion. Manndie, die inzwischen Seltsame, deutet uns sehr klar an, dass der Boden magisch verseucht sein muss. Blöd aber auch. Das haben wir in der Kämpferausbildung eingebleut bekommen: Wenn Magie im Spiel ist, dann sollst du erst recht nachdenken und diese Magie – wenn möglich – als erstes aus der Gleichung nehmen. Grübel! Aber wozu haben wir Yolo, den Herrlichen? Wahnsinn, was Reorx ihm alles an Rüstzeug mitgegeben hat. Der will eine Brücke herbeibeten. Die soll vom Tor bis zur Empore reichen. Super geile Idee! Wie aber? Aber was denn jetzt schon wieder? Wie, die hat eine Gewichtseinschränkung? Und weg ist die auch gleich wieder? Ich weiß schon, warum ich meiner Zwergenaxt vertraue. Mein Schätzchen! Die verschwindet nicht so schnell! Also gut, der Plan ist schnell geschmiedet. Yolo, der Flinke, Schwanhild, die Bekehrte, und ich flitzen als erste die Brücke hoch. Danach wollen noch Thor, der Schwere, Neesha, die Tapfere, und Degenhart, der Treffsichere, folgen. Der Rest versucht uns von draußen zu unterstützen. So liebe ich es: Erst Pläne, dann Späne! Vor allem Späne!
Thor, der Türöffner, reisst das Tor auf, eine Feuerkugel erscheint in der Halle, Tentakel schiessen aus dem Boden. Ich will mich schon auf die Brücke stürzen – doch wo bleibt diese? Ich sehe Yolo an, den Verzweifelten. Mit hochrotem Kopf schüttelt er den Kopf, brummt „Nicht schon wieder“ und fuchtelt mit dem Symbol von Reorx herum. Ob dieses rumgeeiere Reorx gefällt? Wie ich ihn kenne: Bestimmt! Tatsächlich, etwas verschwitzt aber bestimmt ruft Yolo, der Überzeugte: „Voila“. Leicht verspätet taucht die Brücke wie aus dem Nichts auf und ich sprinte los.
NEIN! NEIN! UND NOCHMALS NEIN! Die blöde Plattenpanzerschlampe hat es doch schon wieder um sich herum dunkel werden lassen. Na warte, wenn ich dich Biest erwische! Verdammt, wer hat denn bei den Kampfübungen mit verbundenen Augen lieber in der Schenke herumgehangen? Selber Schuld! Ich entschleunige meinen Schritt und lausche. Verdammt! Warum fluchen die anderen nur so laut? So kann ich nicht feststellen, wohin sich Plattentussie bewegt. Plötzlich ein Ruf von Yolo, dem Ideenreichen. Ein Klatsch auf den Hinterkopf und plötzlich kann ich ich wieder sehen. Umrisse, deutliche Umrisse sogar und die Plattenschlampe. Dir werde ich es zeigen, mir das Licht zu nehmen. Du wirst gleich mehr Sternchen sehen als du zählen kannst. Mist, nur der Schild. Die anderen stossen langsam nach, scheinen auch nicht mehr blind durch die Gegend zu tapseln. Nimm dies! Schon besser. Hehe, damit hat sie nicht gerechnet. Kleiner Trick, klappt fast immer. Verdammt! Das gibt es doch nicht. Wo kommt denn die Rüstung auf einmal her? War die vorhin auch schon an der Stelle? Blödes Weibsstück! Jetzt bin ich aber wütend. Es ist zum Heulen: Die doffe Nuss steht mit dem Rücken zur Wand, hat kaum noch Luft zum Atmen, aber sie scheint unverwundbar zu sein. Selbst Thor, der Furchtbarste, haut ihr ein Stück Rüstung zu Brei, doch dringt seine Spitze anschließend nicht durch ihre Haut. Autsch! Wie das? Wie unaufmerksam von mir! Geschenke verteile ich heute auch noch? Welch ein Tag! Thor, der Bär, ruft: „Ich brauche Unterstützung …“ Hm, hat die Hexe ihn auch erwischt? Wird er von hinten angegriffen? „ … für meinen Angriff. Lenkt sie ab!„. Achso, ja klar! Das ist eigentlich eine prima Idee. Ich rufe: „He, Braut, darf ich bitten oder willste tanzen?“ und wirble meine Streitaxt so, dass sie mit einem furchtbaren Hieb rechnen muss. Doch Pustekuchen, hehehe! Wow, aber Yolo, der Einzigartige, schafft es die Schlampe so abzulenken, dass sie tatsächlich für einen kurzen Moment Thor eine Chance bietet. Das hochnäsige Lächeln verschwindet aus dem nun schmerzverzehrten Gesicht. Thor hat zugeschlagen. Das wiederholen wir doch gleich wieder! Moment! Meine Axt! Dummnuss trifft mich erneut. Lass das, das tut jetzt ein bisschen weh. Na warte! NEIN! Mist, dieses verzogenes Miststück hat meine Finte durchschaut. Sorry Jungs, diesesmal bin ich euch keine Hilfe. WAS? Yolo, der Einmalige, schon wieder? Was für ein Hieb. Schade das er den nur angetäuscht hat. Der Hieb hätte bestimmt sehr sehr weh getan. Aber er hat doch tatsächlich dieses Schrottweib ins Taumeln gebracht. Das Lächlen vom Thor, dem Schrecklichen, ist gewaltig: Was für ein Stoß mit dem Speer. Was für ein entzückender Schrei von der Dosenfrau. Ganz blaß im Gesicht sinkt sie auf die Knie und fällt nach vorne. Endlich! Die Dunkelheit ist auch weg. Prima! Da sind ja noch die Schlangenmenschen, zwei links, drei rechts. Also, geht doch! Das Duo ist als erstes erledigt, das Trio folgt sogleich.
Erst einmal durchschnaufen. Schweiß wegwischen. Wunden begutachten. Umschauen. Der Altar ist simpel, ohne Schnörkel, nichts drauf. Aber die Tür, links, sieht interessant aus. Thor und Yolo, die Neugierigen, schauen in das schwarze Loch dahinter. Das sehe ich mir mal genauer an. Oktogonal, schwarz, vier Kerzenständer in der Mitte des Raumes im Viereck angeordnet. Hier werden bestimmt Schweinereien durchgeführt. Aber wart einmal, Ginnu, du Dummerchen. Wo sind die Matrosen? Und vor allem, wo ist der Magier geblieben? Ich blicke zum Tor und sehe vor diesem die drei Matrosen liegen. Gut. Die hässlichen Tentakel schlängeln immer noch vom Boden hoch. Schlecht. Und von draussen hören wir Kampfgeräusche. Oh je, das wird bestimmt unlustig ohne uns sein. Hm, wie können wir unseren Freunden zu Hilfe kommen? Thor, der Unbeugsame, sticht mit seinem Speer auf einen Tentakel ein. Puff! Und nochmal Puff! Häh? Mit dem Treffer verschwindet der Tentakel und sofort taucht ein Neuer wieder auf? So ein Dreck! Ich setze mich ins Eck und denke nach.
Und die Gedanken weichen wieder den Erinnerungen. Wie deprimierend doch alles ist. Mir fehlt mein Bier. Wo finde ich nur Naglfar? Ach Kiki! Ich armer verstossener Tropf! Und dann dieser seltsame Ort …